Betrachtet ihr Stricken und Häkeln als unterschiedliche Handarbeiten? In vielen Sprachen wird für beides dasselbe Wort verwendet, und ich habe sie früher immer als im Grunde dasselbe angesehen. Und doch haben sie unterschiedliche Kulturen und folgen unterschiedlichen Trends. Im Moment scheinen diese beiden Kulturen in entgegengesetzte Richtungen zu ziehen, und das fasziniert mich.
In englisch- und deutschsprachigen Ländern ist Stricken zumindest seit den 1980er-Jahren eher Mainstream – während Häkeln einen Hauch von Mottenkugeln an sich trägt. Wer erinnert sich noch an die Toilettensitzbezüge?! Vielleicht wurde das Häkeln deshalb im Zuge des von «Stitch ‘n Bitch» angeführten Strick-Revivals der frühen 2000er-Jahre an den Rand gedrängt: Es schien einfach so, als seien Granny Squares nur für Omas. Jede neue Trendwelle online war mit einer Strick-Begeisterung verbunden – Socken gewannen mit handgefärbtem Sockengarn an Beliebtheit; dann kam die Begeisterung für den Vintage-Stil mit Spitzenschals und Cardigans; Hexipuffs und MKALs lösten den Mini-Strang-Hype aus, und Pulli mit Passe begeisterten alle für Mehrfarbenstricken… Häkeln stand nie im Vordergrund. Doch in letzter Zeit hat sich das geändert: Granny Squares, Häkel-Spitze und Jumbo-Amigurumi machen sich nun kräftig bemerkbar. Tatsächlich ist Häkeln mittlerweile viel angesagter als Stricken.
Es gibt allerdings immer noch eine gewisse kulturelle Kluft, und diese Unterschiede faszinieren mich. Häkelnde sind eher geneigt, Videoanleitungen zu befolgen; sie finden ihre Ideen eher auf YouTube und TikTok als auf Ravelry. Oft gehen sie eher improvisiert vor (siehe mein eigenes aktuelles Chaos-Projekt!). Und als Gruppe sind sie spürbar jünger.
Häkeln tobt, während Stricken ernst wird
Was mich neugierig macht, ist der ästhetische Kontrast zwischen den aktuellen Trends beim Stricken und beim Häkeln. Vielleicht liegt es an der Generationskluft. Vielleicht hat es eher mit den unterschiedlichen Stärken der jeweiligen Handarbeit zu tun: Häkeln ist sehr organisch und eignet sich für improvisierte Designs und chaotische Mischungen aus Farben und Texturen. (Das ist sehr Gen Z!)

Aber der Zeitpunkt ist interessant, denn Stricken erlebt gerade einen richtig altmodischen Moment.
Die Ära der farbenprächtigen, technisch komplexen Designs (aufwendig gestrickte Pulli mit Farbmustern, ausgefallene Brioche-Strickerei, MKAL-Schals, die vier oder fünf Farben und ein Dutzend verschiedener Maschen kombinieren) ist gewichen für … nun ja, ein Meer aus beigem Glattstrick. Ja, ich klinge wohl etwas wertend, und dafür entschuldige ich mich aufrichtig! Ehrlich gesagt habe ich diesen Trend zunächst abgelehnt, weil ich ihn nicht verstanden habe. Ich liebe Farben und ich liebe Komplexität, deshalb habe ich eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was da vor sich ging.

Aber ich glaube, jetzt verstehe ich es. Und die Sache ist die: Die superbeliebten Designer, die so viele dieser oberflächlich betrachtet «langweiligen» Muster verkaufen, machen zwei Dinge wirklich gut. Erstens schreiben sie wirklich gute Anleitungen. Ich sehe Stricker:innen, die dasselbe Muster immer wieder stricken, weil die Anleitung klar ist, die Passform grossartig ist und die Details ausgefeilt sind. (Oh, wie schön sind perfekten Details!)
Und zweitens entwerfen sie Modelle mit Langlebigkeit: Kleidungsstücke, die man jahrelang tragen möchte. Das macht total Sinn. Wenn man 50 Stunden und 100 Franken in ein Kleidungsstück investiert, hofft man wirklich, dass sich diese Investition auszahlt! Das Gegenargument lautet natürlich, dass die 50 Stunden Spass machen sollen, und nicht jeder möchte endlose Reihen glatt rechts stricken, um etwas zu produzieren, das aussieht wie ein Pulli, den man schon hundertmal gesehen hat. Was für die Eine ein zeitloser Klassiker ist, ist für die Andere ein riesiges Gähnen. Aber hier kommen wir zu meiner neuen Faszination. Was steckt hinter dieser aktuellen Sehnsucht nach Klassikern?
Kommt dein Wohlbefinden aus Kontrolle oder aus Freiheit?
Ist euch schon mal aufgefallen, wie gerne Kostümdesigner Strickmode in postapokalyptischen Filmen einsetzen? Ich denke dabei an A Quiet Place oder A Handmaid’s Tale, zum Beispiel. Diese Pulli tragen dazu bei, Spuren von Menschlichkeit in einer zerbrochenen, bedrohlichen Welt zu verankern. Die Schnitte sind klassisch, ohne übertrieben vintage zu wirken: Sie sehen aus wie etwas, das eure Grossmutter vielleicht für euch gestrickt hätte, aber man findet sie trotzdem ganz oben auf der «Hot Right Now»-Seite von Ravelry. Sie verleihen dem Film nicht nur ein Gefühl von Unmittelbarkeit (diese Apokalypse könnte schon nächste Woche sein!), sondern spenden auch Trost. Wenn nichts mehr sicher ist, kann man sich immer noch in Wolle einhüllen, um seinen Herzschlag ein wenig zu beruhigen.
(Ich erinnere mich daran, wie ich mit knapp drei Jahren zusehen musste, wie ein Waldbrand direkt neben meinem Haus wütete. Das Kind des Nachbarn bot mir seinen geliebten lila Pulli als eine Art Trostdecke an. Das hat wirklich geholfen.)
Wie auch immer. Ihr wisst ja, wie Trendforscher sagen, dass sich die Mode in Zeiten des Umbruchs an der Vergangenheit orientiert? Also, was diese zerbrochene, bedrohliche Welt angeht… Ich meine, habt ihr in letzter Zeit mal die Nachrichten gesehen?!
Das ist meine Theorie, oder zumindest der erste Teil davon. Die aktuellen Stricktrends greifen auf die Vergangenheit zurück, nicht auf eine kitschige Retro-Art, sondern im Streben nach Trost – und Kontrolle. Erinnert ihr euch, was ich über perfekte Details gesagt habe? Für mich macht es absolut Sinn, dass wir uns angesichts der aktuellen Weltlage zu vertrauten, beruhigenden Stilen hingezogen fühlen und danach streben, diese perfekt umzusetzen. Wenn es sich so anfühlt, als hätten wir nichts unter Kontrolle, können wir dennoch ein Gefühl der Meisterschaft in unserem Handwerk finden. Lasst uns den Wert davon nicht unterschätzen. Wie ich oft sage: Der psychologische Nutzen, etwas Stich für Stich aus winzigen, sich wiederholenden Handlungen entstehen zu sehen … das ist tatsächlich ziemlich grossartig.
Und was das Häkeln angeht, sehen wir meiner Meinung nach eine andere Reaktion auf denselben psychologischen Stress. Anstatt Kontrolle durch perfekte Ausführung zu suchen, findet die Generation Z (die vielleicht nicht dieselbe Erwartung hat, dass das Leben stabil sein sollte) sie im kreativen Chaos: Sie stärkt sich selbst durch Improvisation, nicht durch Kontrolle. Und genau darin liegt die Stärke des Häkelns.
Was meint ihr? Bin ich da auf der richtigen Spur?